Die Vorgeschichte der Oberlinger-Orgel
der evang. Kirche Harxheim
Die neue Orgel ist, wenn man - wegen der gemeinsamen Geschichte aus guten Gründen - diejenige in der katholischen Kirchengemeinde mitzählt, wohl die sechste Orgel hier im Ort. In den alten Orgeln spiegelt sich ein Stück Geschichte der Kirchengebäude selbst und auch der Gemeinden wieder, das sich in Kürze nachzuerzählen lohnt.

 

Die älteste Kirche in Harxheim, von der wohl noch Teile des Turmes stam men, wurde 1484 durch einen Neubau ersetzt. Dieses Gebäude diente, nachdem Harxheim evangelisch geworden war, seit 1689 Katholiken und Protestanten zur durchaus nicht nur konfliktfreien gemeinsamen Nutzung. Eine Orgel hat es wohl zunächst und auch für Jahrhunderte nicht gegeben. Dafür kam es 1774 gleich zum Aufstellen zweier Instrumente. Als erste er richtete die katholische Kirchengemeinde ihre Orgel für eigene Zwecke. Auch in der evangelischen Gemeinde hatten derartige Pläne bestanden. Man erhob nun bei der Falkensteinischen Verwaltung in Winnweiler gegen den Bau Einspruch und begründete ihn damit, man benötige den Platz selbst, auch hätten die Katholiken lediglich ein Mitbenutzungsrecht an der Kirche und dürften deshalb keine eigenen Einrichtungen schaffen. Dieser Einspruch wurde im Mai 1774 zurückgewiesen. Daraufhin wurde eine zweite Orgel neben die erste gestellt. Sie ist 1775 gestimmt worden; 1789 wurde ein neues Krummhorn eingebaut. Sonst ist über Art und Gestalt beider Orgeln leider nichts bekannt.

 

Beide Gemeinden konnten ihre Instrumente nur für eine kurze Zeit nut zen. Im Herbst 1794 besetzten französische Revolutionstruppen, die sich im Jahr zuvor nach der berühmten Beschießung von Mainz zurückgezogen hatten, von Kaiserslautern kommend wieder das Land. Während dieser Be setzung wurde die Kirche praktisch so zerstört, dass nichts als die Mauern (und die beiden Glocken) übrig blieben, auch daran muss es noch erheb liche Beschädigungen gegeben haben. Von der Inneneinrichtung, Altar, Kanzel und Kirchenstühlen (und damit wohl auch von den Holzteilen der Orgel) heißt es, die Soldaten hätten sie im Winter 1794/1795 verbrannt. Die Gottesdienste mussten in Privathäusern und im Rathaus gehalten werden. Brandwunden sind übrigens an einem Turmfenster heute noch erkennbar.

 

Gemeinsam bauten Katholiken und Protestanten im Jahre 1803 ihre Kirche wieder auf, wobei sie Steine vom Heilig Kreuz-Stift, das zwischen Hechts heim und Mainz gelegen war, verwandt haben. Eine neue Orgel, von der evangelischen Gemeinde finanziert, wurde erst siebzehn Jahre später im Jahr 1820 errichtet. Eine gründliche Renovierung ist für das Jahr 1840 nachgewiesen. Um ihre Benutzung hat es wohl häufiger Streit gegeben.

 

Nach der Beendigung des Simultaneums durch den Vergleich von 1869 und den Neubau der katholischen Kirche kaufte die katholische Gemeinde 1880 die im Jahr 1852 von Ratzmann gebaute Orgel aus Mülheim/Main. Sie ist heute noch vorhanden.

Die evangelische Gemeinde hat eine neue, die uns vertraute Orgel 1895 erhalten. Sie wurde von Karl Förster aus Heimersheim/Rheinhessen gebaut und hatte folgende neun Register:

 

       Manual: C - f'''                Pedal: C - d'

       Gedackt       8'                  Subbaß       16'
       Gamba 8'                          Cello   8'
       Oktav 4'                         
       Salizional    8'                           

       Prinzipal      8'
       Doublette    2 2/3'       +2'
       Flötetravers 4'

 

 

   Eine damals als fortschrittlich empfundene neue Konstruktion hat sich dabei auf Dauer als nachteilig erwiesen. Bei den alten (und den jetzigen mechanischen) Orgeln wird die Luftzufuhr zu den Pfeifen u. a. durch zwei aneinanderliegende Bretter geregelt (Schleifladen). In diese Bretter sind Löcher gebohrt, die sich beim Verschieben der Bretter decken und damit die Luft durchlassen und die zum Absperren der Zufuhr wieder auseinan dergezogen werden. Förster verwandte demgegenüber eine sogenannte Kegellade: In die Bohrungslöcher von unten werden Holzkegel eingesteckt, die für die Luftzufuhr angehoben werden und dann wieder zurückfallen. Dies erzeugt nicht nur auf Dauer lästige Nebengeräusche, sondern führt infolge eines relativ raschen Verschleißes zu einer starken Reparaturanfälligkeit und insbesondere bei den größeren Temperaturschwankungen im Winter zu Ausfällen. Der für Harxheim zuständige Orgelsachverständige der Landeskirche, Hanns Brendl aus Wiesbaden, hat deshalb im Jahr 1961 empfohlen, die Chance der Innenrenovierung der Kirche zu nutzen und statt der erforderlichen Renovierung der Orgel an einen Neubau mit me chanischer Schleiflade zu denken. Dies hat sich jedoch damals nicht ver wirklichen lassen. Die Orgel von 1895 hat stattdessen wesentliche, ihr Aus sehen und ihren Charakter verändernde Eingriffe erfahren. Da die Kirchendecke etwas herabgezogen wurde, mussten die großen Holzpfeifen ge kröpft (abgeknickt) werden. Weiter wurde der Prospekt, der ursprünglich in der Mitte blinde Pfeifen enthalten hatte, anders gestaltet; insbesondere ist aber auch das Klangbild neu bestimmt worden. Register mit langen Pfeifen wurden durch Register mit kurzen Pfeifen und damit höheren Tönen ersetzt. Die Registrierung hatte nunmehr folgenden Charakter:

 

       Manual: C - f ' ' '       Pedal: C -

       Principal      8'
       Gedackt       8'

       Salicional    8'       Subbaß       16'

       Octave       4'  Cello       4'

Flöte travers 4'

       Gamba       2' (=Octav2')
       Doublette    (2 2/3')
              C=         1 1/3'                  1'
              d= 2'            1 1/3'
              e'= 2 2/3' 2'
              f"= 4'           2 2/3'

 

Eine Eigenschaft konnte jedoch nicht verändert werden: das Kegelladen system. Die Orgel ist deshalb sehr rasch wieder störanfällig geworden. In manchen Gottesdiensten im Winter gelang es nur dem beherzten, sachverständigen Eingriff des Organisten, das völlige Verstummen des Instruments zu beheben und damit die Gemeinde davor zu bewahren, ohne Begleitung, also a capella zu singen. Es wurde deshalb bereits 1978 unter Pfarrer Prof. Dr. Wild erwogen, die alte, in ihrer Substanz veränderte Orgel durch eine neue zu ersetzen. Auch diese Pläne haben sich jedoch damals noch nicht verwirklichen lassen. Um so glücklicher ist der Kirchenvorstand, dass es nun möglich wurde, eine neue Orgel zu bauen, und dass "die alte" (die zweitjüngste) Orgel, die ein langes Menschenleben hier in Harxheim zu hören war, in diesem Ort geblieben ist.

Fünf "alte" Orgeln in Harxheim - ihre Geschichte erzählt von Aufbau und Zerstörung, von Streit und Leiden der Einwohner in diesem Ort, aber auch von Zusammenstehen und dem ständigen Mühen, Gottes Lob neu erklin gen zu lassen. Diejenigen, die die neue Orgel geplant und gebaut haben, die sie nutzen und die sie hören, stehen in einer eigenen und langen Tradition.

Prof. Dr. Arndt Teichmann